Warum Entspannung erlernbar ist - und warum sie heute wichtiger denn je ist

In der heutigen Zeit fühlen sich viele Menschen dauerhaft angespannt, innerlich getrieben oder erschöpft. Termine, Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und eine hohe Informationsdichte lassen kaum Raum für echte Erholung. Dabei wird Entspannung häufig als etwas angesehen, das „einfach passieren“ sollte – zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende. Bleibt dieses Gefühl aus, entsteht schnell der Eindruck, man sei nicht in der Lage, richtig abzuschalten. Doch genau hier liegt ein weit verbreiteter Irrtum: Entspannung ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die erlernt und trainiert werden kann.

Unser Körper ist grundsätzlich darauf ausgelegt, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Dieses Wechselspiel wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert, das unbewusst zentrale Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag oder Muskelspannung reguliert. In einem gesunden Zustand folgt auf Phasen der Belastung automatisch eine Phase der Erholung. Im modernen Alltag bleibt diese Erholungsphase jedoch oft aus. Stress wird chronisch, der Körper verharrt im Alarmzustand und verlernt gewissermaßen, in die Entspannung zurückzufinden. Genau an diesem Punkt setzt ergotherapeutische Entspannungsarbeit an: Sie hilft dabei, dem Nervensystem neue, gesunde Reize zu geben und den Zugang zur Entspannung Schritt für Schritt wiederherzustellen.

Entspannung zu erlernen bedeutet zunächst, die eigenen Stressmuster zu erkennen. Viele Menschen nehmen erst sehr spät wahr, dass sie dauerhaft angespannt sind – etwa durch Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, innere Unruhe oder Schlafprobleme. In der Ergotherapie wird die Wahrnehmung für den eigenen Körper gezielt geschult. Klientinnen und Klienten lernen, frühe Warnsignale von Überlastung zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Dieses bewusste Wahrnehmen ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zu mehr innerer Balance.

Warum ist Entspannung heute wichtiger denn je? Weil Stress nicht nur kurzfristig belastet, sondern langfristig krank machen kann. Dauerhafte Anspannung steht in engem Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen, aber auch mit körperlichen Beschwerden wie Bluthochdruck, chronischen Schmerzen oder Magen-Darm-Problemen. Hinzu kommt, dass Stress die Konzentrationsfähigkeit, das emotionale Gleichgewicht und die soziale Belastbarkeit deutlich beeinträchtigt. Wer nie zur Ruhe kommt, verliert nach und nach den Zugang zu den eigenen Ressourcen.

Erlernte Entspannung wirkt diesem Prozess aktiv entgegen. Sie stärkt die Selbstregulation, also die Fähigkeit, sich in belastenden Situationen selbst zu beruhigen und wieder ins Gleichgewicht zu finden. In der Ergotherapie wird Entspannung deshalb nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang mit dem Alltag der Betroffenen. Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, die realistisch umsetzbar sind – nicht nur im Therapieraum, sondern auch im Berufsleben, in der Familie oder in herausfordernden Lebensphasen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wer erlebt, dass sich innere Unruhe, Stress oder körperliche Spannung durch gezielte Übungen positiv beeinflussen lassen, gewinnt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurück. Entspannung wird damit nicht mehr als passiver Zustand erlebt, sondern als etwas, das aktiv gestaltet werden kann. Dieses Gefühl von Kontrolle und Sicherheit ist besonders wertvoll für Menschen, die sich durch Stress, Erschöpfung oder emotionale Belastungen hilflos fühlen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Entspannung ist kein Luxus und keine Frage von Zeit oder Persönlichkeit, sondern eine grundlegende Fähigkeit, die erlernt werden kann – und in der heutigen Zeit wichtiger ist denn je. Sie schützt die körperliche und seelische Gesundheit, stärkt die innere Widerstandskraft und schafft die Basis für mehr Lebensqualität. Die ergotherapeutische Begleitung bietet dabei einen sicheren Rahmen, um Entspannung neu zu entdecken, zu vertiefen und nachhaltig in den eigenen Alltag zu integrieren.



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